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Auswahl der passenden Shopsoftware: Warum Methodik statt Bauchgefühl zählt

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Die Auswahl eines passenden Shopsystems stellt viele E-Commerce-Entscheider vor große Herausforderungen. Das Angebot ist riesig, allein in Europa existieren über 150 Shopsoftware-Lösungen, weltweit sind es sogar mehr als 300.


Shop-Software ist ein zentraler Dreh- und Angelpunkt für Daten, Systeme und Geschäftsprozesse im E-Commerce. Heute geht es um die Auswahl einer passenden Shoplösung. Alexander Steireif, Gründer und Geschäftsführer der Strategie- und Technologieberatung Alexander Steireif GmbH, fasst die wichtigsten und zentralsten Aspekte dazu in diesem Beitrag zusammen.

Portrait von Alexander Steireif


Kein Wunder, dass selbst IT-affine Entscheider schnell den Überblick verlieren. Oft wird deshalb zum bekannten Namen gegriffen, sei es Shopify, Magento oder ein anderes vermeintliches „Standard-System“. Doch der Bekanntheitsgrad einer Lösung garantiert nicht, dass sie zu Ihren konkreten Geschäftsanforderungen passt. Im Gegenteil: Wer ohne strukturierten Auswahlprozess vorgeht, riskiert teure Fehlentscheidungen und ineffiziente Projekte.

Über 150 Shopsysteme und kaum einer hat den Marktüberblick

Der Markt für Shopsoftware in Europa ist extrem fragmentiert. Große, global sichtbare Plattformen wie Shopify oder Magento bekommen viel Aufmerksamkeit, doch daneben tummelt sich eine Vielzahl spezialisierter Lösungen, über 150 verschiedene Shopsysteme sind in Europa verfügbar. Verschiedene Studien beziffern das weltweite Angebot sogar auf mehr als 300 Systeme. In Deutschland sind rund 100 Shopsysteme auf dem Markt, darunter viele lokale Anbieter. Kein einzelnes System dominiert den Markt absolut, was die Entscheidung kompliziert macht.

Grafik zu den Marktanteilen der Shopsysteme (Weltweit) für das Jahr 2026

Marktanteile der Shopsysteme (Weltweit) für das Jahr 2026. Quelle: Brainspate.com (https://brainspate.com/blog/ecommerce-platforms-market-share).

Wie die obige Grafik verdeutlicht, verteilt sich der Marktanteil selbst der beliebtesten Plattformen auf viele Anbieter. Die meistgenutzte Lösung, in diesem Fall Shopify, kommt auf etwa 25% Marktanteil, gefolgt von weiteren Systemen wie Ecwid (20%) und Wix (14%). Auch das populäre WooCommerce liegt nur bei rund 11%, Shopware bei 5%. Der gesamte Rest (über 25%) entfällt auf Dutzende anderer Systeme. Diese Vielfalt zeigt: Es gibt nicht „das eine“ Shopsystem für alle. Was für den einen Händler ideal ist, passt für den anderen vielleicht überhaupt nicht. Entsprechend schwer fällt es vielen Entscheidern, aus diesem Dschungel an Optionen die richtige Wahl zu treffen. Oft fehlt schlicht der Marktüberblick, um alle relevanten Lösungen und deren Stärken/Schwächen zu kennen.

Häufige Fehltritte: Bekannte Namen statt passende Anforderungen

Angesichts der unüberschaubaren Auswahl greifen viele Unternehmen zum bekanntesten Shopsystem, das ihnen über den Weg läuft, anstatt systematisch das für ihre Anforderungen passende zu ermitteln. Besonders Plattformen wie Shopify werden häufig gewählt, weil sie überall präsent sind und „jeder sie nutzt“. Auch Magento oder Shopware stehen oft weit oben auf der Liste, da sie einen guten Ruf genießen. Doch ein großer Name garantiert keinen Erfolg, wenn das System eigentlich überdimensioniert oder ungeeignet für die eigenen Bedürfnisse ist.

Ein Praxisbeispiel illustriert die Gefahr: Ein mittelständisches Unternehmen entschied sich für Magento, eine mächtige Shopsoftware, in der Annahme, damit zukunftssicher aufgestellt zu sein. Doch das gewählte System war so umfangreich und wartungsintensiv, dass das gesamte Jahresbudget des Unternehmens schon für dringende Updates und laufende Betriebskosten draufging. Für neue Features oder Weiterentwicklungen blieb kein Geld übrig, der E-Commerce stagnierte. Hier zeigte sich schmerzhaft, wie eine zu große Lösung ohne ausreichende Ressourcen zum Klotz am Bein werden kann.

Warum passieren solche Fehlentscheidungen? Häufig spielen diese Faktoren eine Rolle:

  • Sichtbarkeit statt Eignung: Man wählt ein System, weil es gerade „hip“ ist oder in Rankings oben steht, nicht weil es objektiv passt. Hohe Bekanntheit (z. B. von Shopify) wird fälschlich als Qualitätsmerkmal gewertet.
  • Agentur-Empfehlung ohne Neutralität: Viele implementierende Agenturen haben Lieblings-Systeme oder Partnerschaften mit bestimmten Herstellern. Ihre Beratung ist nicht immer unabhängig verständlich, denn eine Agentur möchte meist das Folgegeschäft für Implementierung und Support sichern. So wird dem Kunden mitunter eine Lösung nahegelegt, die nicht optimal, aber für die Agentur bequem ist.
  • Bauchgefühl statt Analyse: Interne Entscheider verlassen sich manchmal auf persönliche Vorlieben oder Erfahrungen („Wir haben gehört Magento ist das Beste, also nehmen wir das“), ohne die aktuellen Anforderungen sauber zu analysieren.
  • Unterschätzung der Gesamtbetriebskosten: Die Auswahl erfolgt, ohne langfristige Kosten zu bedenken. Ein System mag in der Anschaffung günstig oder gar open-source sein, kann aber hohe Aufwände bei Anpassung, Updates, Hosting oder Lizenzgebühren verursachen. Fehlt diese TCO-Betrachtung (Total Cost of Ownership), drohen finanzielle Überraschungen.
  • Fokus auf Features statt Geschäftsprozesse: Unternehmen vergleichen Funktionslisten und Buzzwords, anstatt zu prüfen, ob die Software die eigenen Geschäftsprozesse optimal unterstützt. Ein schlankeres System, das die Kernprozesse zuverlässig abbildet, wäre vielleicht effizienter als das funktionsreichste Enterprise-Produkt, das jedoch nicht zum Unternehmen passt.

Die Folgen solcher Fehltritte sind überteuerte oder schleppende Projekte – bis hin zum Abbruch, wenn klar wird, dass man in eine falsche Plattform investiert hat. Laut einer Studie sind 63 % der Unternehmen überzeugt, dass das passende Shopsystem erheblich zum Geschäftserfolg beiträgt. Es lohnt sich also, diesen Schritt sehr ernst zu nehmen. Doch genau dieser Auswahlprozess bereitet vielen Schwierigkeiten. So berichten knapp 42 % der B2B-Unternehmen, dass sie Probleme hatten, ihr Shopsystem im Nachhinein sauber in die bestehende IT-Landschaft zu integrieren, ein Indiz, dass vielleicht nicht die optimal passende Software gewählt wurde. Umso wichtiger ist es, Fehlentscheidungen vorzubeugen, indem man methodisch vorgeht.



Strukturierter Auswahlprozess: In 5 Schritten zur richtigen Shopsoftware

Statt aus dem Bauch heraus zu entscheiden, sollten Sie die Auswahl der Shopsoftware als strategisches Projekt begreifen und entsprechend methodisch planen. Ein strukturierter Vorgehensprozess hilft, die Auswahl auf sachliche Kriterien zu stützen und spätere böse Überraschungen zu vermeiden. Orientieren Sie sich zum Beispiel an folgenden fünf Schritten:

  • Anforderungsanalyse durchführen: Sammeln Sie zunächst systematisch alle fachlichen und technischen Anforderungen, die Ihr Online-Shop erfüllen muss. Berücksichtigen Sie Ihre Geschäftsprozesse, vorhandene IT-Systeme (ERP, PIM, CRM etc.) und zukünftige Pläne (z. B. internationale Expansion, B2B-Funktionen). Diese Anforderungsdokumentation ist die Basis für alle weiteren Schritte.
  • Kriterienkatalog erstellen: Leiten Sie aus den Anforderungen konkrete Bewertungskriterien ab. Priorisieren Sie Muss- und Kann-Kriterien – etwa Integrationsfähigkeit (Schnittstellen), Skalierbarkeit, Bedienbarkeit, Budgetrahmen, Branchen-Features (z. B. B2B-spezifische Funktionen) usw. Dieser Katalog dient dazu, verschiedenartige Lösungen objektiv vergleichen zu können.
  • Marktanalyse und Vorauswahl: Verschaffen Sie sich einen Überblick über infrage kommende Shopsysteme. Nutzen Sie Marktstudien, Vergleiche und Fachartikel, um eine Longlist geeigneter Lösungen zu erstellen. Dabei werden Sie feststellen, dass oft mehrere Systeme prinzipiell passen könnten. Reduzieren Sie dann die Auswahl anhand Ihres Kriterienkatalogs auf eine Shortlist von vielleicht 2-4 Systemen.
  • Praxischeck und Evaluierung: Führen Sie mit den Shortlist-Kandidaten möglichst einen Praxis-Test durch. Das kann eine Demo, eine kostenlose Testinstanz oder sogar ein kleines Pilotprojekt sein, in dem Sie typische Anwendungsfälle ausprobieren. Binden Sie key user aus Ihrem Unternehmen ein und holen Sie Feedback ein: Wie intuitiv ist die Administration? Erfüllt das System die Performance-Erwartungen? Lassen sich Sonderfälle umsetzen? Vergleichen Sie die Systeme anhand Ihrer Kriterien und bewerten Sie Vor- und Nachteile transparent.
  • Fundierte Entscheidung mit langfristigem Blick treffen: Treffen Sie die finale Wahl basierend auf den erhobenen Fakten. Berücksichtigen Sie neben den technischen Eignungen auch die langfristigen Kosten (ROI): Lizenzgebühren oder SaaS-Kosten, Aufwand für Updates, benötigte Entwickler-Ressourcen oder Agenturkosten, etc. Denken Sie daran, dass ein Shopsystem meist über viele Jahre im Einsatz ist, Aspekte wie Support, Weiterentwicklung des Herstellers, Community und zukünftige Upgrade-Möglichkeiten sollten in Ihre Entscheidung einfließen.

Diese methodischen Schritte erfordern zwar etwas Aufwand, doch er ist gut investiert. Ein solcher Auswahlprozess macht Ihre Entscheidung nachvollziehbar und wesentlich belastbarer. Sie wählen das System, das am besten zu Ihren Anforderungen passt, statt das, was am lautesten vom Markt beworben wird. Und Sie identifizieren früh die Stolpersteine (z. B. fehlende Schnittstellen oder hohe versteckte Kosten), bevor Sie sich festlegen.

Grafik zur Verteilung OpenSource Shop-Systeme

Beispiel: Verteilung der meistgenutzten Open-Source Shopsoftware in Deutschland 2024. Kein einzelnes Open-Source-System kommt über ~7% Marktanteil, ein Hinweis auf die enorme Vielfalt und Spezialisierung am Markt (Quelle: hosttest.de).

Die obige Grafik zeigt exemplarisch die Nutzung der beliebtesten Open-Source-Lösungen in deutschen Online-Shops. WooCommerce führt hier mit knapp 7%, gefolgt von Shopware (3%) und anderen wie JTL-Shop, Gambio, Magento und PrestaShop, die jeweils nur 1-2% ausmachen. Diese Fragmentierung unterstreicht, dass keine Lösung alle dominieren kann, je nach Geschäftsmodell und Anforderungen setzen Händler auf unterschiedliche Systeme. Mit einer strukturierten Auswahl finden Sie genau die Lösung, die für Ihr Unternehmen am besten geeignet ist, anstatt einer allgemeinen „Top-Lösung“ hinterherzulaufen.

Fazit: Passende Shopsoftware als Erfolgsfaktor im E-Commerce

Die Wahl der richtigen Shopsoftware ist eine der wichtigsten Entscheidungen für Ihr E-Commerce-Projekt  und sie ist zu bedeutend, um sie dem Zufall oder bloßem Bauchgefühl zu überlassen. Angesichts von über 150 verfügbaren Shopsystemen in Europa und ständig steigenden Anforderungen im Online-Handel brauchen Sie einen klaren Kopf und eine solide Methodik. Lassen Sie sich nicht von großen Namen oder Hochglanz-Marketing blenden: Was zählt, ist die Passgenauigkeit für Ihre Prozesse, Produkte und Kunden. Unternehmen, die planlos „irgendein“ bekanntes System implementieren, zahlen oft drauf, in Form von ineffizienten Abläufen, teuren Anpassungen oder stagnierendem Wachstum.

Gehen Sie daher strukturiert vor: Definieren Sie Ihre Anforderungen, vergleichen Sie Optionen auf Basis harter Fakten und ziehen Sie bei Bedarf neutrale Experten hinzu. Eine Studie zeigt, dass zwei Drittel der Unternehmen davon überzeugt sind, dass ein passendes Shopsystem sich positiv auf den Geschäftserfolg auswirkt. Dieser Erfolg stellt sich aber nur ein, wenn das System zum Unternehmen passt. Mit einem methodischen Auswahlprozess reduzieren Sie das Risiko von Fehlgriffen drastisch. So legen Sie den Grundstein für einen leistungsfähigen Online-Shop, der mit Ihrem Geschäftsmodell mitwächst, ohne überteuerte Umwege und böse Überraschungen. Investieren Sie die Zeit in die richtige Auswahl, denn sie zahlt sich aus: Das optimal passende Shopsystem wird zum Rückgrat Ihres digitalen Geschäftserfolgs.



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